Moers

Neues Dokument der Moerser Zeitgeschichte

Nur sechs mal neun Zentimeter groß, sorgsam eingeklebt zwischen Urlaubserinnerungen vom Hermanns-Denkmal im Teutoburger Wald und dem Leuchtturm von Bad Kühlungsborn an der Ostsee zeigt das kleine Schwarz-weiß-Foto ein unscheinbares Haus – ein Fotoalbum, wie es zigmal in deutschen Schränken steht. Doch das unscheinbare Bildchen entpuppt sich 81 Jahre später als ein historisch bedeutendes Foto. Die Moerser Museumsleiterin Diana Finkele entdeckte es genau genommen erst auf den zweiten Blick: Dieses Foto zeigt die Moerser Synagoge nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938.

Und ist somit das bislang einzige Zeugnis über den Zustand des jüdischen Gotteshauses nach den nationalsozialistischen Ausschreitungen in jener Nacht. „Das Foto muss unmittelbar nach der Pogromnacht aufgenommen worden sein“, sagt Hans-Helmut Eickschen von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Moers. Er selber habe immer nur Aussagen von Zeitzeugen gehört, dass die NS-Schlägertruppen damals ein Schild mit der Aufschrift „Dieser Talmud-Stall ist für immer geschlossen“ angebracht hätten.

Mitglieder der SA waren am 10. November in das Haus an der Friedrichstraße 27, das der Eingang zum dahinterliegenden Gebetsraum war, eingedrungen, hatten Fenster und Einrichtungen zerschlagen und die Torarollen in Brand gesteckt. Nur der Umstand, dass das Haus inmitten der engen Altstadtbebauung stand, hinderte die nationalsozialistischen Schläger daran, im gesamten Gebäude Feuer zu legen. Die Türe mit dem prägnanten Eingangsbogen wurde ebenso wie die Fenster mit Brettern vernagelt. Einige Jahre später wurde das Gebäude verkauft und zu einem Wohnhaus umgebaut. So blieb es bis Mitte der 1970er Jahre. Erst die groß angelegte Sanierung der Moerser Altstadt führte zum Abriss des Gebäudes.

Auch das Foto wäre wohl nie an die Öffentlichkeit geraten, wenn sich nicht der Moerser Schmuckdesigner Jochen Schink mit der Vergangenheit seiner Familie beschäftigt hätte. Bei der Durchsicht alter Fotoalben seines verstorbenen Großvaters Wilhelm Schink entdeckte er die alten Bilder – nicht wissend, welche Bedeutung dieses eine Bild hat. „Es war bekannt, dass mein Großvater, von Beruf Buchhalter, auch Kassierer der NSDAP-Ortsgruppe Moers war.“

Dieses und vier weitere Alben mit vielen historischen Fotos aus Moers hat Jochen Schink an das Grafschafter Museum übergeben. „In der der Familie ist nur kurz darüber gesprochen geworden. Uns war klar, dass die Alben nicht ewig im Wohnzimmerschrank stehen sollten.“

Für Museumsleiterin Finkele ist der Fund „ein wichtiges Bildzeugnis für die Moerser Geschichte“. , Das Foto – und eine Vergrößerung – werden in der Ausstellung über die Moerser Geschichte, die im kommenden Jahr im Alten Landratsamt eröffnet wird, zu sehen sein. (U.M./LB)

 

 

FOTO:

Hans-Helmut Eickschen, Gründungsmitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Jochen Schink und Museumsleiterin Diana Finkele mit den Fotos der alten Moerser Synagoge.

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